EinzelschicksaleMahajan, Putzfrau im NAZO-Zentrum in Kabul Karte-nau | |
Vor langer Zeit lebte Mahajan mit ihrem Mann Gul Mohamad zusammen. Er war Eisengießer und hatte eine Werkstatt in der Altstadt von Kabul. Damals führte sie ein normales Leben mit ihren drei Kindern, zwei Mädchen und ein Junge, Nadia, Nazia und Sabur. Während des Bürgerkrieges* besucht sie eines Tages mit ihrer älteren Tochter Nadia ihren Bruder. Es ist die Zeit, als Kabul täglich mit Raketen beschossen wird. Gerade in dieser Nacht, als sie mit Nadia nicht zu Hause ist, trifft eine Rakete ihr Haus. Das Haus bricht zusammen, ihr Ehemann und die beiden anderen Kinder sterben unter den Trümmern des Hauses. Mahajan erfährt diese erschütternde Nachricht im Hause ihres Bruders und eilt zu ihrem Haus. Aber sie sieht nur noch Trümmer. Ihr Haus und die umliegenden Gebäude sind dem Erdboden gleich gemacht. So bleibt sie mit ihrem Schmerz und ihrem Töchterchen allein zurück. Der Krieg nimmt kein Ende, und ihre Tochter kommt in ein Alter, das besonders gefährlich für Entführungen und Vergewaltigungen ist. So entscheidet sich Mahajan, ihre Tochter in den Schutz eines Mannes zu geben. Sie stimmt der Ehe mit einem Mann zu, dessen Familie im Begriff ist, in den Iran zu fliehen. Nach der Eheschließung geht Nadia mit ihrer neuen Familie in den Iran. Mahajan hört lange Jahre nichts von ihrer Tochter. Sie selbst lebt im Haus ihrer Schwester (damals gab es keine Telefone oder gar Handys. Oft vergingen Jahre, bis ein Brief oder eine Nachricht die Angehörigen erreichten). |
Mahajan hat irgendwie erfahren, dass ihre Tochter zwischenzeitlich drei Kinder bekommen hat, aber auch, dass sie in ihrer neuen Familie brutal misshandelt wurde, besonders von ihrer Schwiegermutter und der Schwester ihres Ehemannes, die beide von Anfang an gegen diese Heirat gewesen waren. Ohne Vorbereitung – ganz plötzlich – kommt ein Anruf ihres Schwiegersohnes, dass Nadia gestorben sei. Sie sei krank gewesen, man habe alles versucht, aber nichts habe geholfen. Mahajan kann das nicht glauben. Zu dieser Zeit ist das jüngste Kind ihrer Tochter 6 Monate alt. Jahre später (als viele Familien aus dem Iran zurück nach Afghanistan kamen) erfährt Mahajan, dass ihre Tochter auch von ihrem Ehemann misshandelt wurde und er sie mit dem Bügeleisen erschlagen hat. Diese Nachricht bekommt Mahajan viel zu spät, um rechtlich etwas zu unternehmen – jetzt bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Schmerz geduldig zu ertragen. Zur Zeit lebt die Familie ihres Schwiegersohnes wieder in Kabul, und Mahajan ist froh, dass ihre Enkelkinder die meiste Zeit bei ihr verbringen dürfen. Sie lebt immer noch im Haus ihrer Schwester, weil sie sich finanziell eine eigene Wohnung nicht erlauben kann. Das ist die Geschichte von Mahajan und ihren Kindern, die noch kaum glückliche Tage erlebt haben. |
* Anmerkung des Übersetzers: Im Juni 1993 wurde Gulbudin Hekmatyar als Ministerpräsiden vereidigt - der Bügerkrieg begann und endete erst endgültig mit dem Sturz der Taliban im November 2001 | |
