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Neues aus dem NAZO-Zentrum in Afghanistan, Oktober 2009

Parwin möchte den Vorsitz an Marina abgeben. Ihr wird die Arbeit zuviel. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Ihre zweite Tochter ist behindert. Parwin ist stellvertretende Direktorin einer Mädchenschule, in der täglich 6500 Schülerinnen in drei Schichten unterrichtet werden. Sie hatte in den vergangenen Jahren zwei Herzoperationen, die nicht in Afghanistan gemacht werden konnten, sondern in Indien.
Aber in Kabul kann man nicht so einfach den Vorsitz eines Vereins abgeben. Gut, dass Nurullah und ich gerade da sind, so können wir das Verfahren beschleunigen. Wir suchen gemeinsam mit Parwin und Marina den Koordinator für inländische NGO’s auf, hören uns geduldig seine Einwände an und können schließlich erreichen, dass der Wechsel genehmigt wir. Obwohl ich als Einzige nicht mitreden kann, bewirkt meine Anwesendheit, dass der Beamte schließlich den Vorstandswechsel akzeptiert. Er bedankt sich bei mir herzlich, dass ich den weiten Weg zu ihm auf mich genommen habe und sagt: „Besuch aus dem Ausland ist heute nicht mehr selbstverständlich, und schon gar hier draußen, außerhalb der gut abgesicherten Innenstadt. Mit Ihrem Besuch haben Sie mir den Glauben daran, dass Afghanistan eines Tages ein Staat wie jeder andere sein wird, zurückgegeben.“

Marina arbeitet schon seit einem Jahr als stellvertretende Geschäftsführerin an der Seite von Schaima im NAZO-Zentrum. Sie spricht englisch und kann mit dem Computer umgehen. Auch hat sie sich um den Internetzugang gekümmert. Wenn es im NAZO-Zentrum Strom gibt, kann sie im Internet recherchieren oder uns eine E-Mail schreiben. Aber das wichtigste ist, dass sie mit Freude und Erfolg den NAZO-Schmuck und die NAZO-Textilien verkauft. Dafür hat sie einen Raum im NAZO-Zentrum zum Geschäft umfunktioniert. Dort empfängt sie ihre Kunden und gibt ihre Erfahrungen  an die NAZO-Schülerinnen weiter. Auch sie stehen zeitweise im Laden und verkaufen Schmuck und Textilien aus der NAZO-Werkstatt.

Marina im neuen Nazo-shopFoto: Marina im NAZO-Laden

Beim Frauenministerium setzte sie durch, dass NAZO an jeder Verkaufsmesse im sogenannten Frauengarten teilnehmen kann. Zusammen mit Dschawed fährt sie sogar zu nationalen, bzw. internationalen Messen. So waren beide neulich in Tadschikistan. Der afghanische Handelsminister besuchte den NAZO-Stand, schüttelte Dschawed die Hand und kaufte bei Marina Geschenke für seine Frau und Töchter.

Jetzt bildet das NAZO-Zentrum schon seit fast 6 Jahren Schülerinnen aus. Viele der Schneiderinnen haben sich zu Hause eine Schneiderwerkstatt eingerichtet, oft beschäftigen sie sogar eine Helferin oder bringen anderen Frauen das Nähen bei. Sie verdienen unterschiedlich, aber mindestens soviel wie eine Lehrerin in der staatlichen Schule, 60-70 € pro Monat.

Einige sind in einer nahe gelegenen Fabrik, die Militäranzüge näht, angestellt und verdienen noch besser als die freien Heim-Schneiderinnen.

Wir besuchen die Fabrik, um mit „unseren“ Schülerinnen zu sprechen. Der Besitzer empfängt uns freundlich, weist uns jedoch auf das Foto- und Filmverbot hin, da in seiner Fabrik militärisch wichtige Produkte hergestellt werden. Gebeugt über die ratternden Maschinen nähen „unsere“ ausgebildeten Schneiderinnen schnurgerade Militärnähte. Ich beobachte sie eine Weile und einige Gedanken gehen mir durch den Kopf: Diese Frauen leben in Großfamilien. Wer macht den Haushalt? Versorgt ihre Eltern, Schwiegereltern, Großeltern, Kinder, Brüder, Tanten Onkel usw.? Das Vieh oder den Gemüsegarten? Ihr Lohn trägt zum allgemeinen Familieneinkommen bei – können sie aber auch bestimmen, für was er ausgegeben werden soll? Können sie einen Teil für sich selbst behalten? Müssen sie jetzt nicht noch mehr arbeiten als wenn sie sich „nur“ um ihre Großfamilie kümmerten? Haben sie als Ausgleich dafür wenigstens mehr Rechte?
Endlich machen die Näherinnen eine Pause und wir können ein Gespräch führen. Welch eine Enttäuschung! „Unsere“ acht Scheiderinnen machen alle einen niedergeschlagenen Eindruck. Die Freude und Wissbegierde, die sie in der Zeit der Ausbildung im NAZO-Zentrum ausstrahlten, ist verflogen. Sie sagen, der Tag fange früh an und höre spät auf. Zwischendurch gibt es nur eine kurze Mittagspause. Meistens reicht die Zeit nicht, sich miteinander auszutauschen, gemeinsame Probleme anzusprechen oder gar  Pläne zu schmieden. Und gelacht wird auch nur selten. „Wenn wir nur eine Minute Zeit haben, besuchen wir Schaima und die anderen Frauen  im NAZO-Zentrum“. 
Zakia fasste 2008 ihre Zeit im NAZO-Zentrum mit den Worten zusammen: „ … Besonders wichtig an unserer Ausbildung im NAZO-Zentrum war, dass ich Selbstvertrauen gewonnen habe und mutig geworden bin. Außerdem habe ich Lesen und Schreiben gelernt. …“ Dieselbe Zakia zieht ihren Schleier vors Gesicht und will uns nicht in die Augen sehen. Schließlich erklärt sie doch ihr Verhalten. Ja, sie ist immer noch Vorarbeiterin und verdient gutes Geld, so dass sie für ihre Mutter sogar eine Waschmaschine kaufen konnte. Aber sie ist jetzt im „kritischen Alter“ und muss verheiratet werden. Zu jedem Bewerber, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, hat sie bisher „NEIN“ gesagt. Dann blieb nur noch ein sehr konservativer älterer Cousin übrig. Zu ihm musste sie „JA“ sagen. So ist sie jetzt verlobt mit einem Mann, der von ihr verlangt, auf der Straße die Burkha zu tragen, nicht ohne seine Erlaubnis das Haus zu verlassen, die Kontakte zum NAZO-Zentrum einzustellen und noch vieles mehr. Nach der Hochzeit darf sie auch nicht mehr außerhalb des Hauses arbeiten. „So ein Schicksal hat mir Gott auferlegt“ sagt sie und sie wisse nicht ob sie die Geduld aufbringe, das ein Leben lang zu ertragen.

Lange noch muss ich an „unsere“ Schneiderinnen in der Fabrik denken. Wir sprechen auch im NAZO-Zentrum mit Schaima, Marina und einigen Schülerinnen darüber. Sie sind sich einig: Alle Schülerinnen wollten und wollen nach Beendigung der Ausbildung als Gruppe zusammenbleiben. Aber die NAZO-Werkstatt ist nicht groß genug. In ihr können höchstens 5 Frauen weiter arbeiten. Und auch sie müssen ihre Plätze räumen, sobald die nächste Runde ausgelernt hat. Eine richtige Gruppe, im Sinne eines Teams, kann sich nicht bilden.
Vor allem die Schmuckschülerinnen formulieren ihre Angst vor der Zukunft. Im März 2010 sind die 18 Monate Ausbildungszeit zu Ende und sie müssen sich auf dem freien Markt behaupten – ohne Werkzeuge, Maschinen und ohne Material. Ihr Lehrer, der Goldschmied, fügt hinzu, dass die Frauen sehr geschickt sind und sehr viel gelernt haben – mehr als er erwartet habe – aber es fehlten noch sehr viele Bereiche. Er sagt: “ Jetzt können sie ja höchstens ein Drittel von dem, was zu diesem anspruchsvollen Beruf gehört.“ Ich denke im Stillen:Er hat recht. In Deutschland dauert die Ausbildung zur Goldschmiedin bis zur Gesellenprüfung 3½ Jahre. Und auch für den Schneiderberuf  lernt man in Deutschland 3 volle Jahre.
Anders als die Schneiderinnen, haben die Schmuckschülerinnen nicht die Möglichkeit, als Heimarbeiterinnen zu arbeiten. Dazu müssten sie sich die teuren Maschinen und Werkzeuge anschaffen. Auch gibt es nicht die Möglichkeit, in Fabriken oder Manufakturen angestellt zu werden. Erstens, weil es diese in Afghanistan nicht gibt und zweitens, weil kein Goldschmied eine Frau in seiner Werkstatt anstellt, ebenso wie kein Schneider eine Schneiderin in seiner Werkstatt arbeiten lässt. Die Zeiten haben sich zwar geändert – doch im Verhältnis zwischen Frauen und Männern gibt es bisher nur wenige Fortschritte.
Wir sichern den Schmuckschülerinnen zu, dass sie als Gruppe auch nach dem offiziellen  Ende der Ausbildung zusammenbleiben können. Wir werden uns dafür einsetzen, dass sie in Aufbaukursen andere Techniken lernen können. In der übrigen Zeit werden sie Schmuckstücke herstellen, die sie – wie schon jetzt - in ihrem eigenen Laden in Kabul, auf nationalen und internationalen Messen verkaufen. Und wir in Deutschland werden weiterhin versuchen, den Absatzmarkt für ihren Schmuck zu erweitern.

Nun melden sich die Schneiderinnen zu Wort und wünschen für sich dasselbe Modell. Auch sie möchten in Form von Aufbaukursen weiterlernen – „bis ich einen richtigen europäischen Herrenanzug nähen kann“ sagt eine Schülerin. „Dann hätten unsere Kleider auch bessere Chancen, national und vielleicht
sogar international verkauft zu werden.“ „Nur gute Handarbeit, weil man  der Billigware aus China etwas Individuelles entgegensetzen muss“, ergänzen andere Schülerinnen.
Träumereien von einem eigenen Label schließen sich an, z.B. „Pary-Design – ein glänzendes Stück Afghanistan“.

Schaima, die Geschäftsführerin,  wirft ein, dass nicht jede Schülerin den Anspruch habe, „Herrenanzüge“ nähen zu können. Diese Frauen möchten sogar, dass die Ausbildung zur Näherin von 18 auf 12 Monate verkürzt wird, damit sie eher befähigt sind, sich und ihre Familien selbst einkleiden zu können. „Damit kann man auch sehr viel Geld sparen und das Ansehen in der Familie erhöhen.“  meint die Vertreterin dieser Gruppe.

Foto: Palwascha und ihre Schwester im Hof des NAZO-Zentrums.

Aus dem Dorf Scheweki ist Palwascha, die beste Schülerin des 2. Ausbildungslehrganges, gekommen und meldet sich zu Wort. Die NAZO-Backstube in Scheweki arbeitet seit 2008 nur noch sporadisch, weil es schon mehrere Talibanangriffe auf das Dorf gegeben hat und die Menschen deswegen verängstigt sind. Aber der wichtigere Grund ist die im Frühjahr 2007 entstandene Männerbäckerei - als Konkurrenz zur NAZO- Frauenbäckerei. Seit Oktober 2008 möchte Palwascha die NAZO-Räume in Scheweki nutzen, um dort Frauen und Mädchen aus ihrem und den umliegenden Dörfern das Schneiderhandwerk beizubringen. Sie bittet uns, ihr dabei zu helfen. Sie benötigt 10 neue Nähmaschinen, hand- oder fußbetrieben, weil es noch immer keinen Strom in Scheweki gibt.

Heute hält jede, oder doch fast jede Familie in Kabul und Umgebung, Bildung für wichtig. Diesbezüglich hat sich das Bewusstsein enorm geändert. Es gibt jede Menge Privatschulen, Privatuniversitäten und für sonstigen Wissenserwerb vielfältige Privatkurse, die bezahlt werden müssen. Natürlich beziehen sich diese Angebote vorwiegend auf Jungen, bzw. Männer. Da die Ausbildung zur Schneiderin im NAZO-Zentrum sehr beliebt ist, wollen die NAZO-Frauen versuchen, den zukünftigen Schülerinnen keine Ausbildungsbeihilfe mehr zu zahlen. Allerdings wollen sie auch kein Schulgeld verlangen, weil ihre Schülerinnen aus der ärmsten Schicht kommen und es sich um Frauen handelt – eben nicht um Männer. Es wird ein Versuch sein, ob die Familien auch in die Ausbildung ihrer Frauen investieren.

FAZIT

Die Schneiderei Ausbildung wird auf 12 Monate verkürzt. 12 Frauen erhalten im NAZO-Zentrum in Kabul jährlich kostenlos eine Grundausbildung zur Schneiderin. Gleichzeitig wird die NAZO-Werkstatt erweitert, so dass 12 Schneiderinnen bis auf weiteres hier als Gruppe zusammenwachsen und -arbeiten können. Sie erhalten ein zusätzliches Lernangebot in Form von Aufbaukursen. Für die Erweiterung der Werkstatt werden wir zusätzlich 7 neue, elektrische Nähmaschinen kaufen. (5 sind noch vorhanden.) Die Räume, Maschinen und Infrastruktur  des NAZO-Zentrums können von den Schneiderinnen genutzt werden. Als Gegenleistung beteiligen sie sich mit 20% ihrer Einnahmen am Erhalt des NAZO-Zentrums.
Die Schmuckschülerinnen bleiben nach dem offiziellen Ausbildungsende als Team zusammen. Die Ausbildungsbeihilfe entfällt. In den kommenden 18 Monaten werden Weiterbildungskurse angeboten. Aber schon in dieser Zeit versuchen sie, ökonomisch unabhängig zu arbeiten. Auch sie können die Räume, Maschinen und Werkzeuge des NAZO-Zentrums nutzen, müssen jedoch ebenfalls 20% ihrer Einnahmen an das NAZO-Zentrum abgeben und tragen so zum Erhalt der Ausbildungsstätte bei.
Palwascha soll im März 2010 mit der Schneidereiausbildung in Scheweki beginnen.

Damit die NAZO-Frauen so wie beschrieben lernen und arbeiten können, sind wir auf IHRE Hilfe angewiesen. Bleiben Sie uns weiterhin treu, unterstützen Sie den Unterhalt des NAZO-Zentrums mit Ihren Spenden. Verbreiten Sie in Ihrer Umgebung, dass es schönen Schmuck und fein bestickte Textilien aus dem afghanischen NAZO-Zentrum in Deutschland zu kaufen gibt. (Sie finden die Angebote unter www.nazo-support.org). Wir schicken Ihnen auch gern Infoblätter zu, auf denen einige der neuesten Schmuckstücke, bzw. Textilien abgebildet sind.

Elke Jonigkeit-Kaminski, 13. November 2009

www.nazo-support.org
info@nazo-support.org

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53797 Lohmar
Tel: 02205-2352
Fax: 02205-87836

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